Geschichte des Dorfes: Vorzeit und urkundliche Ersterwähnung

- Vorzeit und urkundliche Ersterwähnung 1074
- Böddiger und seine Geschichte im Hessenland
- Böddiger und seine Geschichte in der heimischen Region
- Hinweise auf bereits vorhandene Darstellungen der Ortsgeschichte von Böddiger

Schon aus dem Ortsnamen Böddiger, aber auch aus seiner landschaftlichen Lage im Ems- und Edertal mit fruchtbaren Böden schließen Historiker, dass es sich bei dem Ort um eine Ansiedlung handelt, die bereits lange Zeit vor der schriftlich belegbaren Ersterwähnung in einer Urkunde des Klosters Hasungen aus dem Jahre 1074 bestanden haben muss, wobei die Vermutungen bis in die Zeit vor 500 zurückgehen.

Die Erstschreibweisen von Böddiger sind Bodogernun (in der Urkunde des Klosters Hasungen 1074), Bodegernun, Bodengernun, Bodigernun und Boidegeren (in einer späteren Urkunde des Klosters Hasungen 1123), aber auch Budugerne, Buthegerne (1252), Bodegern (1275) und Böddigern (1555). Das „n“ am Schluss ist im Volksmund heute noch gebräuchlich: Böddigern (auf Platt Berrigähren).

Böddiger und seine Geschichte im Hessenland

Schirmherren des Klosters Hasungen bei Burghasungen im Wolfhager Land waren im Jahre 1074 die Grafen Werner von Hessen mit Sitz in Gudensberg. Mit Graf Werner IV. erlosch im Jahre 1121 das Wernersche Grafengeschlecht. Die Grafschaft fiel an die Gisonen, doch der Nachfolger von Werner IV. starb bereit im Jahre 1122. Über Erbfolge kam die Grafschaft Hessen an Thüringen. Die Landgrafen von Thüringen blieben bis 1247 die Herrscher (Regenten) von Hessen. Bis zu seinem Tode im Jahre 1227 regierte Landgraf Ludwig IV, der Gemahl der Heiligen Elisabeth, die Marburg zum Witwensitz erwählte. 1247 ist das Thüringer Landgrafenhaus dann im Mannesstamme erloschen. Sophie von Thüringen, Tochter von Landgraf Ludwig IV. und der Heiligen Elisabeth, Witwe des Herzogs Heinrich des II. von Brabant, schrieb Geschichte, indem sie 1248 in Marburg, der Wirkungsstätte ihrer unvergessenen Mutter Elisabeth, kurzerhand ihren minderjährigen Sohn Heinrich zum Herrscher von Hessen ausrief. Er wurde als Heinrich I. der erste Landgraf von Hessen und regierte, in den Reichsfürstenstand erhoben, von 1265 (Eintritt seiner Volljährigkeit) bis 1308. Das Haus Brabant blieb in Hessen am Ruder, in Hessen-Kassel bis zur erzwungenen Abdankung im Jahre 1866, nachdem Kurhessen von Preußen annektiert worden war. Böddiger war also bei und nach seiner urkundlichen Ersterwähnung 1074 hessisch und blieb es auch mit Ausnahme

1.der schon dargestellten Thüringer Epoche (1122 bis 1147),

2.einer kurzen Episode zu Anfang des 19. Jahrhunderts, als es mit der
heimischen Region zum napoleonischen Königreich Westphalen
gehörte (1807 bis 1813), und

3. der späteren preußischen Epoche (1866 bis 1945).

Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Franzosenkaiser Napoleon auf seinen Eroberungszügen schon halb Europa unter seine Herrschaft gebracht, als er 1806 auch in Kurhessen einmarschierte. Er wollte Europa territorial neu ordnen und schuf nach Gutdünken völlig neue Staatsgebilde, darunter das Königreich Westphalen. Dessen Staatsgebiet erstreckte sich ohne alle historische Bezüge über den mitteldeutschen Raum von Osnabrück bis Magdeburg und Halle. Auch das kurhessische Gebiet gehörte dazu. Kassel wurde Hauptstadt des neuen Königreichs. Als König setzte Napoleon seinen jüngeren Bruder Jérome ein, dessen Proklamation am 15. Dezember 1807 in Kassel stattfand. Zur Finanzierung der weiteren Feldzüge Napoleons wurde das Land systematisch ausgeplündert, zahlreiche Männer im wehrfähigen Alter wurden zwangsrekrutiert und mussten sich an den Feldzügen Napoleons bis hin nach Russland beteiligen. Das erregte den Unmut der Bevölkerung, es rumorte im Untergrund. Am 22. August 1809 kam es im hiesigen Raum zu einem Aufstand gegen die Fremdherrschaft. Die von Oberst von Dörnberg angeführten Aufständischen waren allerdings schlecht ausgerüstet und schlecht bewaffnet. Sie wurden am folgenden Tage bei der Knallhütte von den Truppen des Königs Jérome vernichtend geschlagen. Dabei fielen auch drei Männer aus Böddiger, nämlich Caspar Griesel, Heinrich Hahn und Bernhard Kilian. Ein Gedenkstein an der Rengershäuser Kirche erinnert noch heute an diese drei Männer.

Nach Napoleons Niederlagen in Russland und in der Völkerschlacht von Leipzig stürzten 1813 mit dem Kaiser auch seine Vasallen. Am 26. Oktober 1813 musste Jérome Kassel verlassen. Der Kurfürst kam zurück und stellte die alte Ordnung wieder her.

Das Jahr 1866 bedeutete dann allerdings das endgültige Aus für Kurhessen. Es wurde nach dem siegreichen Krieg Preußens gegen Österreich und dessen Verbündete von Preußen annektiert, ebenso wie das Herzogtum Nassau und die ehemals Freie Reichsstadt Frankfurt am Main. Aus den annektierten Gebieten wurde die preußische Provinz Hessen-Nassau gebildet mit den Regierungsbezirken Kassel und Wiesbaden. Provinzhauptstadt wurde Kassel mit dem Sitz des Oberpräsidenten für die Provinz.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist 1945 auf Anordnung der US-Militärregierung das Land Hessen in seinem jetzigen Bestand ins Leben gerufen worden. Böddiger war wieder hessisch, was es von Anfang an gewesen war.

Böddiger und seine Geschichte in der heimischen Region

Böddiger gehörte von den drei beschriebenen Intervallen abgesehen immer zu Hessen. Auf regionaler Ebene war Böddiger schon vor seiner späteren Eingemeindung immer eng mit der Stadt Felsberg verknüpft, was aufgrund der direkten Nachbarschaft und der dichten geografischen Nähe von weniger als 3 km nicht verwunderlich ist. Bis zu deren Aussterben übten die Grafen von Felsberg die Gerichtsbarkeit über Böddiger aus. Dann fiel Hessen mit Felsberg und Burg an die Landgrafen von Thüringen (1122 bis 1247). In einigen Urkunden von 1238 bis 1391 wird ein Dorfadel in Böddiger erwähnt. Welche Rolle die von Budugerne bzw. von Bodegerne gespielt haben, liegt im Dunkeln. Sie sollen für das Dorf mit einem Teil der Gerichtsbarkeit belehnt gewesen sein. Mehr darüber und mehr über das Geschlecht ist nicht bekannt. Es ist auch nicht bekannt, wann der Dorfadel ausgestorben ist.

Im wiedererstandenen selbständigen Hessen (seit 1248) wurden im 14. Jahrhundert als untere Verwaltungseinheiten Ämter gebildet, zu denen auch das Amt Felsberg gehörte, entstanden aus Teilen der schon älteren Ämter Gudensberg und Homberg. Die landgräflichen, seit 1803 kurfürstlichen Ämter, die von Amtmännern verwaltet wurden, bestanden bis 1821. Bis dahin waren die Amtmänner zugleich Justizbeamte, die neben der Erledigung ihrer Verwaltungsaufgaben für den Landesherrn im Bereich der ihnen zugewiesenen Zuständigkeiten auch die Gerichtsbarkeit ausübten. 1821 kam es in Kurhessen zu einer verfassungsmäßigen Trennung von Verwaltung und Justiz. Gleichzeitig wurden die Verwaltungsämter aufgelöst. Sie wurden zu Landkreisen zusammengeschlossen, die Ämter Felsberg, Spangenberg und Melsungen zum Landkreis Melsungen. Böddiger gehörte damit verwaltungsmäßig zum Landkreis Melsungen. Als Gerichte blieben dagegen die sogenannten Justizämter bestehen, auch das Justizamt Felsberg, zu dem Böddiger weiterhin gehörte. Die Rechtsprechung oblag einem Justizbeamten. Erst in preußischer Zeit (ab 1866) wurden die Justizämter in Amtsgerichte umbenannt. Die Rechtsprechung oblag einem Amtsrichter. Böddiger gehörte bis zur Auflösung des Gerichtes nach dem Zweiten Weltkriege zum Amtsgericht Felsberg, seither gehört es zum Amtsgericht Melsungen. Vom ehemaligen Gebäude des Amtsgerichts Felsberg am Obertor gibt es nur noch Bilder. Das stattliche Gebäude wurde wegen eines geplanten Straßenbauvorhabens abgerissen. Die Straße wurde nicht gebaut. Das Grundstück liegt brach. Dem Kurfürstlich Hessischen Hof- und Staatshandbuch des Jahres 1850 kann man entnehmen, dass Böddiger als Ortschaft des Justizamtes Felsberg damals bei 69 Häusern 517 Einwohner hatte. Zum Vergleich: Felsberg 142 Häuser und 1252 Einwohner, Gensungen 99 Häuser und 843 Einwohner, Harle 105 Häuser und 634 Einwohner, Niedermöllich 80 Häuser und 589 Einwohner. Alle weiteren 14 Ortschaften des Justizamtes Felsberg waren damals kleiner als Böddiger.

Während der sogenannten Grebenverfassungszeit bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war Böddiger einer der 5 „Grebenstühle“ im Amt Felsberg. Zum Grebenstuhl in Böddiger gehörten neben Böddiger die Orte Neuen- und Altenbrunslar sowie Deute und Niedervorschütz. Die Greben waren für die niedere Gerichtsbarkeit, Verwaltungsaufgaben und Steuereinziehung zuständig. Unter Vorsitz eines landesherrlichen Beamten fand zweimal im Jahr, am 30. April (Walpurgis) und am 30. September (Michaelis) ein Rügegericht statt. Alte Beinamen für Familien mit Haus und Hof wie „Alte Greben“ und „Greben“, die sich bis heute in Böddiger erhalten haben, gehen auf die ehemalige Grebenzeit zurück.

In Hessen regierten die Landgrafen, ab 1803 in Hessen-Kassel als Kurfürsten. Landesherr war also der Landgraf, dann der Kurfürst. In preußischer Zeit ab 1866 war Landesherr der König von Preußen. Ab 1871 waren die Könige von Preußen zugleich die Kaiser des neu gegründeten Deutschen Reiches. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde die Monarchie in Deutschland abgeschafft. Das Land Preußen und die preußische Provinz Hessen-Nassau mit dem Oberpräsidenten in Kassel blieben weiterhin bestehen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es dann im Jahre 1945 zur Neugründung des jetzigen Landes Hessen. Böddiger war wieder hessisch.

Hinweise auf bereits vorhandene Darstellungen der Ortsgeschichte von Böddiger

Eine Chronik mit vielen Einzelheiten zur Ortsgeschichte bis in die 1970er Jahre kann nachgelesen werden in der Festschrift zur 900 Jahrfeier von Böddiger. Verfasser dieser Chronik waren der Lehrer und Heimathistoriker Waltari Bergmann aus Altmorschen sowie der Lehrer Hans Eichel aus Böddiger. Beide sind inzwischen verstorben. Das damalige Fest wurde 1975 mit einem Jahr Verspätung gefeiert, weil der Männer- und Gemischte Chor Böddiger 1975 auf sein 100jähriges Gründungsjubiläum zurückblicken konnte und man mit einem Abstand von nur einem Jahr nicht zwei große Feste kurz hintereinander feiern wollte. In der Festschrift von 1999 zur 925Jahrfeier in Böddiger sind die Forschungsergebnisse der ersten Chronik noch einmal schwerpunktmäßig von dem hier wohnhaften Historiker Frank Fulda-Lengen kurz zusammengefasst und um die bis dahin ins Land gegangenen Zeitereignisse ergänzt worden. Auch andere, zum Teil bebilderte Beiträge in den beiden Festschriften sind lesenswert, weil sie detaillierte Auskünfte über die Ortsgeschichte enthalten.

Unter Ergänzung bestehender Vorlagen neu bearbeitet von
Friedel und Kurt Regenbogen
15. Januar 2012

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